01 / DER ANLASS

Aus AI soll SI werden

Donald Trump hat gerade etwas gemacht, das auf den ersten Blick ziemlich banal wirkt: Er benennt Artificial Intelligence um, also künstliche Intelligenz. Aus AI soll in der amerikanischen Regierung künftig SI werden, Super Intelligence.

Man kann das für Marketing halten. Oder für Größenwahn. Vielleicht ist es aber strategisch deutlich interessanter. Denn Trump benennt hier möglicherweise nicht das, was künstliche Intelligenz heute ist. Er benennt das, was sie in einigen Jahren sein könnte.

Am 29. September 2026 hat Trump dazu eine Executive Order unterzeichnet, also einen Präsidialerlass. Danach sollen die Ministerien und Behörden des Bundes, soweit es das Gesetz zulässt, „Super Intelligence“ und „SI“ verwenden, wo bisher „Artificial Intelligence“ und „AI“ stand. Der Erlass geht damit über eine reine Umbenennung hinaus: Die Exekutive soll die Verwendung von „Artificial Intelligence“ und „AI“ in diesem Rahmen künftig nicht mehr anerkennen. Das gilt für amtliche Schreiben, öffentliche Kommunikation, Webseiten, Berichte, politische Dokumente und andere Dokumente, die keine Gesetzestexte sind. Bereits erlassene Vorschriften, Verträge und ältere Dokumente müssen nicht geändert werden.

Rechtlich bleibt die bisherige Definition von Artificial Intelligence zunächst bestehen. Der Erlass legt fest, dass „Super Intelligence“ dieselben Technologien und Systeme meint, die das US-Bundesrecht schon heute als künstliche Intelligenz definiert. Innerhalb von 60 Tagen soll der Berater des Präsidenten für Wissenschaft und Technologie einen Vorschlag für eine eigene gesetzliche Definition vorlegen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Denn ChatGPT, Claude, Gemini oder Grok sind damit natürlich nicht plötzlich Superintelligenzen geworden. Die Technologie ist dieselbe wie einen Tag vorher. Geändert wurde erstmal nur der Name.

Und genau das könnte interessant sein.

02 / DIE BEGRIFFE

Eigentlich kommt Superintelligenz
erst später

Wenn man sich die klassische Entwicklung von künstlicher Intelligenz anschaut, wird normalerweise ungefähr zwischen drei Stufen unterschieden: erst AI, dann AGI, dann ASI. Artificial Intelligence beschreibt dabei den großen Bereich künstlicher Intelligenz. AGI wäre eine Artificial General Intelligence, also eine allgemeine künstliche Intelligenz: ein System, das menschliche kognitive Fähigkeiten sehr breit erreichen oder übertreffen kann. Und danach kommt das, was seit Jahrzehnten als Artificial Superintelligence, kurz ASI, oder einfach Superintelligence diskutiert wird.

Der Begriff ist übrigens alles andere als neu. Nick Bostrom definierte Superintelligenz 1998 als einen Intellekt, der in praktisch jedem Gebiet viel klüger ist als die besten menschlichen Gehirne. Bereits 1965 beschrieb der Mathematiker I. J. Good die Idee einer „ultraintelligent machine“, einer ultraintelligenten Maschine, die alle geistigen Tätigkeiten jedes noch so klugen Menschen weit übertreffen kann. Weil auch das Entwerfen von Maschinen eine solche Tätigkeit ist, könnte sie nach Good noch bessere Maschinen entwerfen. Dann gäbe es, so Good, ohne Frage eine „intelligence explosion“, eine Intelligenzexplosion.

Superintelligenz war also bisher eher das mögliche Ende einer Entwicklung. Trump macht daraus jetzt deren Anfang.

03 / DER GEDANKE

Und genau darin liegt vielleicht
der eigentliche Trick

Stellen wir uns einmal vor, die Entwicklung geht ungefähr so weiter wie in den vergangenen Jahren. Modelle werden leistungsfähiger, Agenten arbeiten autonomer. Systeme bekommen Zugriff auf immer mehr Software, Daten, Computer und reale Prozesse. KI übernimmt irgendwann nicht mehr nur einzelne Aufgaben, sondern löst Probleme zunehmend selbstständig über verschiedene Bereiche hinweg.

Ob und wann daraus tatsächlich AGI oder sogar Superintelligenz entsteht, weiß heute niemand. Aber nehmen wir einmal an, dass wir in zehn Jahren tatsächlich Systeme haben, die wir heute ernsthaft als Superintelligenz bezeichnen würden. Dann könnte rückblickend plötzlich ein interessanter Satz entstehen: Donald Trump hat bereits 2026 das Zeitalter der Super Intelligence ausgerufen.

Nicht als die Technologie tatsächlich da war, sondern Jahre vorher. Das ist etwas anderes als einfach nur eine Technologie umzubenennen. Es ist die Besetzung eines Begriffes.

04 / DAS PRINZIP

Apple hat das übrigens
jahrzehntelang perfekt gemacht

Im Marketing ist dieses Prinzip nicht besonders ungewöhnlich. Die stärksten Marken beschreiben Produkte häufig nicht technisch korrekt, sondern versuchen eine eigene Kategorie zu schaffen. Apple verkaufte keinen MP3-Player. Es verkaufte einen iPod.

Wer eine Kategorie kontrolliert, kontrolliert irgendwann auch einen Teil der Geschichte, die über diese Kategorie erzählt wird. Und genau deshalb könnte „Super Intelligence“ deutlich mehr sein als irgendein neuer Begriff aus Washington.

Trump sagt im Grunde: Wir warten nicht darauf, bis jemand feststellt, dass AI irgendwann Superintelligenz geworden ist. Wir nennen sie jetzt schon so.

05 / DIE UMKEHRUNG

Das Interessante daran: Die Technologie
muss nur noch zum Namen aufschließen

Normalerweise funktioniert Branding, also der Aufbau einer Marke, andersherum. Es gibt ein Produkt, dann versucht man einen passenden Namen dafür zu finden. Hier passiert möglicherweise das Gegenteil. Der Begriff ist schon da, die Vision ist schon da. Jetzt muss die Technologie irgendwann nur noch den Zustand erreichen, den der Name bereits beschreibt.

Das ist natürlich auch riskant. Wenn die Entwicklung deutlich langsamer läuft als erwartet oder sich herausstellt, dass heutige Architekturen an fundamentale Grenzen stoßen, wirkt „Super Intelligence“ irgendwann ziemlich übertrieben. Wenn die Entwicklung allerdings weiter exponentiell oder zumindest sehr schnell verläuft, kann derselbe Begriff rückblickend plötzlich erstaunlich passend wirken.

Dann war er nicht falsch. Dann war er nur zu früh.

06 / DIE UNTERNEHMEN

Die amerikanischen KI-Unternehmen
sitzen gleichzeitig mit am Tisch

Interessant ist auch der Zeitpunkt. Wenige Stunden vor der Unterzeichnung des Erlasses traf Trump am 29. September führende Vertreter der amerikanischen KI-Industrie im Weißen Haus. Dabei unterschrieben neben Trump auch Google-CEO Sundar Pichai, Anthropic-CEO Dario Amodei, Meta-CEO Mark Zuckerberg, OpenAI-Präsident Greg Brockman, xAI-CEO Elon Musk und Nvidia-Präsident und -CEO Jensen Huang ein Papier zur Sicherheit leistungsfähiger Modelle. Darin sagen sie zu, die Fähigkeiten ihrer leistungsfähigsten Modelle mit internen Kontrollen zu überwachen. Diese Kontrollen sollen ein internes Team, unabhängige externe Prüfer und ein unabhängiger Ausschuss der Unternehmensführung beaufsichtigen.

Hier muss man allerdings sauber unterscheiden. Trump hat diese Unternehmen nicht per Executive Order verpflichtet, ihre Produkte ab sofort SI zu nennen. Der Erlass richtet sich an die Ministerien und Behörden der amerikanischen Regierung.

Trotzdem entsteht ein Effekt, den man nicht unterschätzen sollte. Wenn die amerikanische Regierung konsequent von SI spricht, Medien den Begriff übernehmen und gleichzeitig die größten KI-Unternehmen der Welt permanent mit dieser Regierung über genau diese Technologie sprechen, verändert sich Sprache automatisch. Und Sprache verändert Wahrnehmung.

Wir haben das bei Technologie ständig erlebt, bei Begriffen wie Cloud, Smartphone, Social Media, Autonomous Driving für autonomes Fahren oder Generative AI für generative KI. Irgendwann fragt kaum noch jemand, wer den Begriff eigentlich zuerst verwendet hat. Man benutzt ihn einfach.

07 / DIE BEGRÜNDUNG

Vielleicht geht es also gar nicht
darum, AI umzubenennen

Vielleicht geht es darum, den nächsten Begriff bereits heute zu besitzen. Das würde auch gut zu Trumps Kommunikationsstil passen. Große Begriffe funktionieren besser als technische Definitionen. Artificial Intelligence klingt nach Informatik. Super Intelligence klingt nach einer neuen technologischen Epoche.

Der Erlass selbst argumentiert, die Technologien, die amerikanische Entwickler heute vorantreiben, gingen weit über das hinaus, was man sich vorstellte, als der Begriff „Artificial Intelligence“ aufkam. Der Begriff „Super Intelligence“ erfasse deshalb das Potenzial und die schnell wachsenden Fähigkeiten dieser Technologien treffender.

Ob dahinter wirklich eine langfristige Strategie steckt, die zukünftige Geschichte der KI sprachlich vorwegzunehmen, wissen wir natürlich nicht. Das wäre Interpretation. Aber der mögliche Effekt ist trotzdem real.

08 / DIE GEOPOLITIK

Und dann wird es geopolitisch

Noch interessanter wird es, wenn aus dem amerikanischen Begriff irgendwann ein internationaler wird. Die USA haben einen enormen Vorteil. Ein sehr großer Teil der aktuell führenden KI-Infrastruktur und KI-Unternehmen stammt aus Amerika, darunter OpenAI, Google, Anthropic, Meta, Nvidia und xAI. Wenn Washington anfängt, konsequent SI zu sagen, und amerikanische Technologieunternehmen den Begriff irgendwann zumindest teilweise übernehmen, kann sich daraus ein internationaler Standard entwickeln.

Hinzu kommt: Beim Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten Xi Jinping in Washington im September 2026 haben beide Staatschefs nach Angaben des Weißen Hauses vereinbart, für die betreffenden Technologien den Begriff „super intelligence“ statt „artificial intelligence“ zu verwenden. Zugleich richteten beide Länder einen eigenen Dialog über Risiken und Nutzen von SI ein.

Spätestens dann reden wir nicht mehr nur über einen Namen auf einer amerikanischen Regierungswebsite. Dann reden wir über Framing, also über den Deutungsrahmen, in den ein Begriff eine Sache stellt.

09 / DER AUSBLICK

Vielleicht sieht die Geschichte 2035
deshalb ganz anders aus

Heute kann man über „Super Intelligence“ lachen, weil heutige KI offensichtlich nicht das ist, was Wissenschaftler seit Jahrzehnten unter Superintelligenz verstehen. Aber vielleicht lesen wir in zehn Jahren den Satz „The Era of Super Intelligence began in 2026.“, auf Deutsch: Das Zeitalter der Super Intelligence begann 2026. Und möglicherweise wird dann kaum noch jemand darüber diskutieren, dass die Systeme damals technisch eigentlich noch AI waren.

Genau darin liegt die interessante Frage. Hat Trump einfach einen Begriff ausgetauscht? Oder hat er verstanden, dass die nächste große technologische Kategorie ohnehin kommen könnte, und sie deshalb vorsorglich schon einmal benannt?

Falls Letzteres stimmt, wäre die Executive Order weniger eine Beschreibung des heutigen Zustands. Sie wäre eine Wette auf die Zukunft.

WAS BLEIBT

Seit dem 29. September 2026 sollen US-Bundesbehörden per Präsidialerlass von Super Intelligence statt von Artificial Intelligence sprechen. An der Technik ändert das nichts, rechtlich meint der neue Name dasselbe wie der alte. Vielleicht ist der Erlass deshalb weniger eine Beschreibung des heutigen Zustands als eine Wette darauf, dass die Technologie den Namen irgendwann einholt.