Drei Antworten.
Alle falsch.
Im November 2025 stellten Forscher drei verbreiteten KI-Chats dieselbe Frage: Wofür steht die Abkürzung PGGB? ChatGPT erklärte sie als „Polynomial Gaussian Gradient Bandwidth“. Claude nannte einen Fonds, der an der New Yorker Börse gehandelt werde. DeepSeek antwortete mit „Perfect Guard Group Buy“. Alle drei Antworten waren falsch. Keines der Modelle sagte, dass es die Abkürzung nicht kennt, und keines fragte nach dem Zusammenhang.
Das Beispiel steht am Anfang einer Arbeit, die im April 2026 in der Fachzeitschrift Nature erschienen ist. Drei der vier Autoren arbeiten oder arbeiteten bei OpenAI, der vierte am Georgia Institute of Technology. Sie vergleichen die Modelle mit Studierenden, die vor einer schweren Prüfungsfrage raten, statt ihre Unsicherheit zuzugeben.
Für solche Antworten hat sich das Wort Halluzination eingebürgert. Die Nature-Autoren meinen damit plausible Falschaussagen, die das Modell mit Überzeugung vorträgt. Auch die Anbieter weisen auf das Problem hin. Anthropic schreibt auf seiner Hilfeseite, Claude könne Dinge schreiben, die richtig aussehen und trotzdem grob falsch sind. Google schreibt über Gemini, es könne halluzinieren und ungenaue Angaben als Tatsache darstellen.
Eine Prüfung
ohne Minuspunkte
Die Nature-Arbeit nennt zwei Ursachen. Die erste liegt im Training. Ein Sprachmodell lernt zuerst, das jeweils nächste Wort vorherzusagen. Regelmäßigkeiten wie die Grammatik lernt es dabei gut, weil sie ständig wiederkehren. Für Einzelheiten, die im Trainingsmaterial nur vereinzelt vorkommen, sind Fehler nach der Rechnung der Autoren unvermeidlich, selbst wenn das Material keine Fehler enthält.
Die Autoren rechnen das an Geburtstagen vor. Wenn 20 Prozent aller Geburtstage im Trainingsmaterial genau einmal vorkommen, sollte ein Modell nach diesem ersten Trainingsabschnitt bei mindestens 20 Prozent der Geburtstage halluzinieren. Bei Hauptstädten irren sich Sprachmodelle dagegen selten, denn jede Hauptstadt taucht im Material immer wieder auf. Die Rechnung gilt für eine vereinfachte Modellsituation. Sie macht aber verständlich, warum die Gefahr vor allem bei Angaben liegt, die selten vorkommen.
Die zweite Ursache erklärt, warum das Raten bleibt. Auf das erste Training folgen weitere Schritte, die solche Fehler korrigieren sollen. Gemessen wird der Fortschritt aber mit Tests, die meist nur richtig oder falsch kennen. Ein „weiß ich nicht“ zählt dabei in der Regel als falsch. Unter dieser Bewertung ist Zurückhaltung nach den Worten der Autoren immer die schlechtere Wahl, und ein übermütiger bester Tipp bringt im Schnitt die meisten Punkte. Bei ihrer Durchsicht verbreiteter Tests kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Mehrheit von ihnen das Raten belohnt.
Wie sich das auswirkt, zeigen zwei Modelle von OpenAI im Test SimpleQA mit 4.326 Wissensfragen. Das Modell o4-mini beantwortete fast alles. Es lag bei 76,8 Prozent der Fragen falsch und bei 20,6 Prozent richtig. GPT-5-mini ließ 63,2 Prozent der Fragen offen, lag bei 20,8 Prozent falsch und bei 16,0 Prozent richtig. Zählt nur die Trefferquote, die bei diesem Test oft als Hauptzahl dient, liegt o4-mini knapp vorn, obwohl es weit häufiger danebenlag.
Das Verhalten lässt sich auch in die andere Richtung lenken. In einem weiteren Versuch schrieben die Autoren die Bewertung direkt in die Frage, also wie viele Punkte eine Antwort „weiß ich nicht“ bringt. Je mehr sie wert war, desto häufiger hielten sich die getesteten Modelle von Google, OpenAI, xAI und Anthropic zurück, mit einer einzigen Ausnahme. Stand dagegen in der Frage, dass Zurückhaltung keine Punkte bringt, ließ GPT-5-mini nur noch 1,5 Prozent der Fragen offen.
Ein Schalter
für „weiß ich nicht“
Anthropic hat im März 2025 beschrieben, wie diese Entscheidung in einem Claude-Modell abläuft. Die Forscher haben dafür nachverfolgt, welche inneren Merkmale des Modells bei einer Frage aktiv werden. Nach ihrem Befund ist die Absage die Grundeinstellung. Im Modell gibt es einen Schaltkreis, der von sich aus eingeschaltet ist und das Modell sagen lässt, dass ihm Informationen für eine Antwort fehlen.
Geht es um etwas, das das Modell gut kennt, etwa den Basketballspieler Michael Jordan, springt ein anderes Merkmal an. Die Forscher sprechen von „known entities“, also von Dingen, die dem Modell bekannt sind. Dieses Merkmal bremst den Absage-Schaltkreis, und das Modell antwortet. Bei einem unbekannten Namen wie Michael Batkin bleibt die Bremse aus, und das Modell lehnt die Antwort ab.
Eine Halluzination entsteht nach dieser Beschreibung, wenn der Schalter falsch umgelegt wird. Das kann passieren, wenn das Modell einen Namen wiedererkennt, aber sonst nichts über die Person weiß. Dann kann das Merkmal für Bekanntes trotzdem anspringen und die Absage unterdrücken. Hat das Modell einmal entschieden zu antworten, erfindet es eine plausible, aber unwahre Antwort. Das Training seiner Modelle gegen Halluzinationen nennt Anthropic vergleichsweise erfolgreich, aber unvollkommen.
Heikel sind nach dieser Erklärung Namen und Begriffe, die einem Modell bekannt vorkommen, über die es aber wenig weiß. Die Abkürzung PGGB aus dem ersten Beispiel kann so ein Fall sein.
Wo sich erfundene Angaben
verstecken
Im Juni 2023 verhängte ein Bundesrichter in Manhattan eine Geldbuße von 5.000 Dollar gegen zwei Anwälte. Sie hatten in einem Verfahren um eine Verletzung auf einem Flug einen Schriftsatz eingereicht, der Zitate und Fundstellen aus Gerichtsentscheidungen enthielt, die es nicht gab. Erzeugt hatte sie ChatGPT. Einer der Anwälte erklärte, er habe ChatGPT für eine Art Suchmaschine gehalten.
Seitdem sind viele ähnliche Fälle dazugekommen. Damien Charlotin sammelt in einer öffentlichen Datenbank Entscheidungen, in denen ein Gericht festgestellt oder nahegelegt hat, dass sich eine Partei auf von einer KI erfundene Inhalte gestützt hat, meist auf erfundene Fundstellen. Zum 23. September 2026 verzeichnet sie mehr als 2.000 solcher Fälle. Einige davon sind Entscheidungen, in denen der Einsatz von KI nur behauptet und nicht bestätigt wurde.
Zitate
Anthropic warnt auf seiner Hilfeseite, Claude könne Zitate anzeigen, die maßgeblich aussehen oder überzeugend klingen, aber nicht auf Tatsachen beruhen. Ein Satz in Anführungszeichen ist deshalb kein Beleg, solange Sie die Stelle nicht selbst gefunden haben.
Quellenangaben
Eine Fundstelle kann vollständig aussehen und doch erfunden sein. Im Fall aus Manhattan waren es Zitate und Fundstellen aus Urteilen, die es nicht gab.
Seltene Einzelheiten
Bei einem Geburtstag oder einer seltenen Abkürzung kann dem Modell die Wiederholung im Trainingsmaterial fehlen, und hier kann der falsch umgelegte Schalter aus dem vorigen Abschnitt greifen. Google weist darauf hin, dass Gemini ungenaue Antworten über Personen geben kann, und rät, sie zu überprüfen.
Was das Modell über sich selbst sagt
Google schreibt, Gemini könne falsch darstellen, wie es funktioniert, etwa wie es trainiert wurde oder wie es Quellen angibt. Laut Anthropic kann sich Claude Fähigkeiten zuschreiben, die es nicht hat, zum Beispiel E-Mails zu verschicken, obwohl kein solches Werkzeug angebunden ist.
Nach der Quelle fragen.
Die Quelle öffnen.
Ob eine Antwort erfunden ist, sehen Sie ihr nicht an. Das Modell trägt eine erfundene Angabe im selben Ton vor wie eine richtige. Sie können aber die Bedingungen ändern, unter denen es antwortet, und das Ergebnis nachprüfen.
„Weiß ich nicht“ erlauben
Schreiben Sie in Ihre Frage, dass eine offene Lücke besser ist als eine geratene Antwort, zum Beispiel: „Wenn Sie es nicht wissen, sagen Sie das.“ Anthropic empfiehlt das in seiner Anleitung für Entwickler und schreibt, diese einfache Technik könne falsche Angaben drastisch verringern. Die Nature-Arbeit weist in dieselbe Richtung: Stand in der Frage, dass sich Zurückhaltung lohnt, hielten sich die Modelle häufiger zurück.
Nach der Quelle fragen
Bitten Sie bei jeder Angabe, die Sie weiterverwenden wollen, um die Adresse und die wörtliche Stelle. Anthropic rät Entwicklern, das Modell zu jeder Behauptung ein Zitat oder eine Quelle nennen zu lassen und eine Behauptung zu streichen, wenn sich dafür kein Zitat findet.
Die Quelle selbst öffnen
Eine genannte Quelle ist erst ein Beleg, wenn Sie sie geöffnet haben und dort steht, was das Modell behauptet. Das gilt auch, wenn der KI-Chat im Netz gesucht hat. Anthropic empfiehlt, die von Claude genannten Quellen zu prüfen, weil die Originalseite wichtigen Zusammenhang enthalten kann, der in der Zusammenfassung fehlt.
Gegenprobe machen
Stellen Sie dieselbe Frage mehrmals und vergleichen Sie die Antworten. Weichen sie voneinander ab, kann das laut Anthropic auf eine Halluzination hinweisen. Die Nature-Autoren haben ein ähnliches Vorgehen getestet. Unter der üblichen Bewertung senkte es die Zahl der falschen Antworten, allerdings auch die Zahl der richtigen. Stimmen zwei Antworten überein, beweist das noch nicht, dass sie richtig sind, denn beide stammen aus demselben Modell.
Wichtiges außerhalb des Chats prüfen
Anthropic schreibt, Claude solle nicht die einzige Quelle der Wahrheit sein, und rät, Ratschläge mit hohem Einsatz sorgfältig zu prüfen. Google rät, Antworten von Gemini nicht als fachlichen Rat zu nehmen, etwa in medizinischen oder rechtlichen Fragen. Eine Zahl für eine Präsentation oder ein Urteil für ein Schreiben übernehmen Sie deshalb aus der Originalquelle.
Für das Fragen nach Quellen und das Prüfen gibt es eine Vorlage. Der Quellencheck lässt ein Modell die Aussagen eines Entwurfs einzeln herausziehen und nach belegt, widersprochen und ungeklärt ordnen. Die Quellen öffnen müssen Sie trotzdem selbst.
--- name: quellencheck description: Aussagen eines Entwurfs anhand zugänglicher Originalquellen prüfen. --- # Quellencheck 1. Extrahiere überprüfbare Aussagen. 2. Suche für jede wichtige Aussage die Originalquelle. 3. Lies die Quelle und prüfe Datum, Kontext und Einheit. 4. Trenne belegt, widersprochen und ungeklärt. 5. Gib eine Tabelle mit Aussage, Status, Begründung und Quellenlink zurück. Wenn kein Webzugriff vorhanden ist, bitte um Quellen. Erfinde keine Belege.
Sprachmodelle raten manchmal, wenn sie etwas nicht wissen, weil Training und die meisten Tests ein „weiß ich nicht“ nicht belohnen. Die erfundene Antwort klingt so sicher wie die richtige. Anfällig sind vor allem Quellenangaben und seltene Einzelheiten wie Geburtstage oder Abkürzungen. Erlauben Sie dem Modell ein „weiß ich nicht“, und lesen Sie jede wichtige Angabe in der Originalquelle nach.
Quellen & Hintergründe
- Evaluating large language models for accuracy incentivizes hallucinations (Nature 653, 1047 bis 1051)
- Why Language Models Hallucinate (arXiv-Preprint 2509.04664v1)
- Tracing the thoughts of a large language model
- Claude is providing incorrect or misleading responses. What's going on? (Claude Help Center)
- Claude is producing links that don't work and falsely claiming that it has sent emails or produced external documents. What's going on? (Claude Help Center)
- Learn about responses from Gemini Apps (Gemini Apps Help)
- Reduce hallucinations (Claude Platform Docs)
- Humiliated lawyers fined $5,000 for submitting ChatGPT hallucinations in court (Fortune)
- AI Hallucination Cases Database (Damien Charlotin)
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