Die Zukunft
ist ein Plüschtier
Am 29. September 2026 hat OpenAI die Zukunft vorgestellt. Sie ist comicartig gezeichnet, und sie hat noch keinen Namen. Den gibt ihr erst der Nutzer, wenn er sie startet.
Dots heißen die neuen Agenten von OpenAI. Ein Agent ist ein KI-Programm, das Aufgaben selbstständig erledigt, ohne dass man jeden Schritt anstößt. Anders als Codex oder ChatGPT sind Dots nicht an eine bestimmte Oberfläche oder Hardware gebunden: Sie verfolgen vom Nutzer festgelegte Ziele fortlaufend im Hintergrund, mit nur minimaler Aufsicht, und können etwa Rückmeldungen von Kunden beobachten oder Fehler in Software beheben. Gestartet werden sie aus Codex oder ChatGPT; zum Start sind sie in berechtigten Märkten für Abonnenten von ChatGPT Pro und Business Premium verfügbar.
Neu ist aber weniger, was sie tun, als wie sie aussehen. TechCrunch beschreibt sie als quirlige Comicfiguren. OpenAI schreibt, man könne mit seinem ersten Dot beginnen, ihm einen Namen geben und ihn zu seinem eigenen machen. Die KI bekommt ein Gesicht. Vermutlich auch, damit wir die Scheu vor ihr verlieren. Sie soll weniger Werkzeug sein und mehr Mitbewohner.
Die Zukunft war schon da.
Gestern.
Nur gab es diese Zukunft schon. Einen Tag vorher, am 28. September 2026, hat Manus seine App Cue gestartet. Auch dort bekommt jeder Agent eine eigene Identität, dazu eine eigene Telefonnummer, eine E-Mail-Adresse und ein Budget, mit dem er in einem selbst gesetzten Rahmen bezahlen darf.
Auch dort bekommt jeder Agent eine eigene Person, keine Nummer aus einer Liste: eine eigene Identität, eine eigene Telefonnummer, eine eigene E-Mail-Adresse, ein eigenes Budget. Wer beide Konzepte nebeneinanderlegt, sucht den Unterschied in der Idee und findet kaum einen.
Der naheliegende Reflex wäre jetzt die Frage, wer von wem abgeschrieben hat. Bei 24 Stunden Abstand ist das wenig wahrscheinlich. Und genau das finde ich beunruhigend. Zwei Unternehmen sind offenbar unabhängig voneinander beim selben Ergebnis gelandet. Faulheit erklärt das nicht. Eher die Methode.
Der Durchschnitt
hat gewonnen
Ob OpenAI oder Manus ihre Figuren mit Hilfe von KI entworfen haben, weiß ich nicht. Wie so etwas entstehen kann, lässt sich aber ahnen. Man fragt ein Sprachmodell, was Menschen sympathisch finden. Das Modell antwortet mit dem, was in seinen Trainingsdaten am häufigsten vorkommt, also in Millionen Apps, Maskottchen und Emojis: runde Formen, kräftige Farben, ein Name. Dann fragt man, wie man das umsetzt, und bekommt wieder das, was schon am häufigsten funktioniert hat.
Das ist kein Fehler der Maschine. Es ist ihr Bauprinzip. Ein Sprachmodell formuliert die wahrscheinlichste Antwort auf Grundlage dessen, was es gelernt hat, also auf Grundlage der Vergangenheit. Wenn alle dieselben Modelle fragen, bekommen alle ähnliche Antworten. Aus Tausenden Entscheidern wird ein einziger, sehr fleißiger Durchschnitt.
Wir haben uns das lange als Effizienz schöngeredet. Schneller zur Strategie, schneller zum Logo. Das stimmt ja auch. Nur kommen jetzt alle gleichzeitig am selben Ziel an und stehen sich dort auf den Füßen.
Was dabei
verloren geht
Viele Ideen, die später als genial galten, waren zuerst unwahrscheinlich. Sie waren der Ausreißer in den Daten, der Vorschlag, bei dem im Meeting kurz niemand etwas sagte. Ein System, das aus der Vergangenheit lernt, glättet genau diesen Ausreißer weg.
Kreativität lebt von der Ausnahme. Vom schiefen Gedanken und vom Bauchgefühl, das keiner Statistik standhält. Wer sich jede Entscheidung von einer Maschine absichern lässt, bekommt Sicherheit und verliert den Vorsprung. Ein Vorteil, den alle haben, ist keiner mehr.
Die Ironie ist fast zu perfekt. Ausgerechnet das Produkt, das die KI persönlicher machen soll, sieht aus wie das Produkt der Konkurrenz. Individualität als Massenware.
Mein Vorschlag
für den nächsten Dot
Ich wünsche mir einen sechsten Dot. Er ist eckig, und er hat gar keinen Namen. Und wenn man ihn fragt, was die beste Lösung ist, antwortet er: „Die, auf die du ohne mich gekommen wärst.“
Bis dahin bleibt ein einfacher Rat. Fragen Sie die KI ruhig. Nehmen Sie die wahrscheinlichste Antwort aber als Ausgangspunkt und nicht als Ziel. Wenn sich die neuen Figuren von OpenAI und Manus heute schon kaum auseinanderhalten lassen, wie sollen es dann unsere Ideen sein?
OpenAI hat am 29. September 2026 seine Agenten Dots als comicartige Figuren vorgestellt, einen Tag nachdem Manus mit Cue ein sehr ähnliches Konzept gestartet hatte. Wer Entscheidungen mit Sprachmodellen absichert, bekommt die wahrscheinlichste Antwort, und die bekommen alle anderen auch. Die Antwort der KI ist deshalb ein guter Ausgangspunkt. Der Vorsprung entsteht bei dem, was davon abweicht.
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Norman Leis